Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor
Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor – und das eigentliche Risiko bleibt häufig unsichtbar
Wir messen, was wir sehen können. Doch reicht das aus?
Warum beschäftigen sich Unternehmen eigentlich mit Kennzahlen?
Die naheliegende Antwort lautet: Weil sie Orientierung geben.
Kennzahlen helfen dabei, Entwicklungen zu erkennen,
Entscheidungen zu treffen und Maßnahmen zu bewerten. Sie
schaffen Vergleichbarkeit und machen komplexe Zusammenhänge auf
den ersten Blick greifbar. Ohne sie wäre moderne
Unternehmensführung kaum denkbar.
Doch jede Kennzahl erzählt nur den Teil einer Geschichte, den
sie tatsächlich erfassen kann.
Nehmen wir die Fehlzeitenquote. Sie gehört seit Jahren zu den
wichtigsten Kennzahlen im betrieblichen Gesundheitsmanagement.
Sie zeigt, wie viele Mitarbeitende aufgrund einer Erkrankung
nicht arbeiten konnten, wie sich Krankenstände entwickeln und
in welchen Bereichen eines Unternehmens besondere
Auffälligkeiten auftreten. Das sind wertvolle Informationen –
daran besteht kein Zweifel.
Aber stellen wir uns für einen Moment eine andere Frage.
Was passiert eigentlich, bevor eine Krankschreibung entsteht?
Genau an dieser Stelle beginnt eine Perspektive, die aus
unserer Sicht in vielen Diskussionen über psychische Gesundheit
noch zu wenig Beachtung findet.
Denn zwischen voller Gesundheit und einer Arbeitsunfähigkeit
liegt häufig kein abrupter Bruch. Vielmehr handelt es sich um
einen Prozess. Menschen werden nicht von einem Tag auf den
anderen erschöpft. Belastungen entwickeln sich oft schleichend.
Konzentration fällt schwerer, Erholung gelingt nicht mehr wie
gewohnt, kleine Fehler häufen sich und die Energie, die früher
selbstverständlich vorhanden war, reicht plötzlich nur noch für
das Notwendigste.
Von außen ist davon häufig kaum etwas zu erkennen.
Die betreffende Person erscheint weiterhin zur Arbeit. Sie
nimmt an Besprechungen teil, beantwortet E-Mails und erfüllt
ihre Aufgaben. Für Kolleg:innen und Führungskräfte wirkt
zunächst alles unverändert. Und genau deshalb bleibt dieser
Zustand häufig unsichtbar – zumindest dann, wenn wir
ausschließlich auf Kennzahlen schauen, die erst dann entstehen,
wenn jemand bereits ausfällt.
Vielleicht liegt genau hier einer der größten Denkfehler in der
Diskussion über psychische Gesundheit im Arbeitskontext.
Wir sprechen häufig über Krankheit.
Seltener sprechen wir über Belastung.
Dabei beginnt Prävention genau dort.
Wenn Kennzahlen zum blinden Fleck werden
Missverstehen Sie uns bitte nicht: Fehlzeiten sind eine
wichtige Kennzahl. Sie liefern wertvolle Hinweise und helfen
Unternehmen dabei, Entwicklungen zu beobachten. Das Problem
liegt nicht in der Kennzahl selbst.
Das Problem entsteht dann, wenn wir sie mit der gesamten
Wirklichkeit verwechseln.
Denn jede Kennzahl beantwortet eine bestimmte Frage – und lässt
gleichzeitig viele andere unbeantwortet.
Die Fehlzeitenquote beantwortet beispielsweise die Frage:
Wie viele Beschäftigte konnten aufgrund einer Erkrankung nicht
arbeiten?
Sie beantwortet jedoch nicht:
Wie viele Beschäftigte arbeiten trotz gesundheitlicher
Beschwerden?
Wie viele Menschen erleben ihre Arbeit aktuell als dauerhaft
belastend?
Wie viele verfügen kaum noch über ausreichende psychische
Regenerationsfähigkeit?
Und wie viele investieren täglich mehr Energie, als sie
langfristig aufbringen können?
Diese Fragen sind deutlich schwieriger zu beantworten. Gerade
deshalb werden sie im Unternehmensalltag häufig gar nicht
gestellt.
Dabei könnten sie entscheidend sein.
Denn wenn wir Prävention ernst nehmen, reicht es nicht aus,
ausschließlich auf die Folgen zu reagieren. Prävention
bedeutet, Entwicklungen möglichst früh zu erkennen – bevor sie
sich verfestigen und schließlich sichtbar werden.
Vielleicht lohnt sich deshalb eine weitere Frage:
Konzentrieren wir uns im betrieblichen Gesundheitsmanagement
manchmal zu stark auf das, was leicht messbar ist, und zu wenig
auf das, was wirklich entscheidend sein könnte?
Diese Frage lässt sich nicht mit einer einzigen Studie
beantworten. Sie lädt vielmehr dazu ein, die eigene Perspektive
zu erweitern.
Und genau das möchten wir mit dem OwlYeah Journal erreichen.
Die Zahlen sind eindrucksvoll. Doch sie markieren nicht den Anfang.
Wer sich die aktuellen Daten der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ansieht, erkennt schnell die
wirtschaftliche Dimension gesundheitlicher Belastungen.
Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 881,5 Millionen
Arbeitsunfähigkeitstage registriert. Der dadurch entstandene
Produktionsausfall wird von der BAuA auf rund 134 Milliarden
Euro geschätzt, der Ausfall an Bruttowertschöpfung auf etwa 227
Milliarden Euro.
Diese Zahlen sind beeindruckend.
Sie machen deutlich, dass Gesundheit längst kein Randthema mehr
ist. Sie betrifft nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern
ganze Organisationen und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit
unserer Wirtschaft.
Und dennoch betrachten wir diese Zahlen bei OwlYeah mit einer
etwas anderen Frage.
Sind sie wirklich der Anfang der Geschichte – oder erzählen sie
vielmehr deren Ende?
Denn jede Arbeitsunfähigkeit, die in einer Statistik auftaucht,
hat bereits eine Entwicklung hinter sich. Belastungen sind
entstanden, Ressourcen wurden aufgebraucht und Regeneration hat
möglicherweise über einen längeren Zeitraum nicht mehr
ausreichend stattgefunden.
Mit anderen Worten:
Die Statistik beginnt dort, wo der eigentliche Prozess häufig
schon weit fortgeschritten ist.
Wer ausschließlich auf Fehlzeiten blickt, erkennt deshalb vor
allem die sichtbaren Folgen.
Doch was ist mit dem Teil, der sich unserer Aufmerksamkeit
entzieht?
Genau dort beginnt ein Begriff, der in der Arbeits- und Gesundheitsforschung seit vielen Jahren diskutiert wird: Präsentismus.
Nicht, weil Präsentismus jede Frage beantwortet.
Sondern weil er den Blick auf einen Bereich lenkt, der im
Unternehmensalltag häufig übersehen wird.
Was genau bedeutet Präsentismus?
Und warum könnte gerade dieses Phänomen entscheidend sein, wenn
wir psychische Gesundheit nicht nur verwalten, sondern wirksam
fördern möchten?
Was bedeutet Präsentismus eigentlich – und warum ist er für Unternehmen so relevant?
Vielleicht lohnt es sich zunächst, mit einem Missverständnis
aufzuräumen.
Wenn in der Arbeits- und Gesundheitsforschung von Präsentismus
die Rede ist, geht es nicht darum, engagierte Mitarbeitende zu
kritisieren, die trotz einer leichten Erkältung oder eines
kurzfristigen Unwohlseins zur Arbeit erscheinen. Präsentismus
ist zunächst auch keine Diagnose und kein individuelles
Fehlverhalten.
Der Begriff beschreibt vielmehr eine Beobachtung: Menschen
erscheinen trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit.
Damit endet die Definition zunächst.
Alles Weitere – etwa eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit,
eine erhöhte Fehleranfälligkeit oder langfristige
gesundheitliche Folgen – kann daraus entstehen, gehört jedoch
nicht zur eigentlichen Definition. Diese Unterscheidung ist
wichtig. Denn sie macht deutlich, dass Präsentismus nicht
vorschnell bewertet werden sollte.
Warum also entscheiden sich Menschen überhaupt dafür, trotz
gesundheitlicher Beschwerden arbeiten zu gehen?
Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Menschen
selbst.
Manche fühlen sich ihrem Team verpflichtet und möchten
Kolleg:innen nicht zusätzlich belasten. Andere möchten wichtige
Projekte nicht verzögern oder Termine nicht absagen. Wieder
andere befürchten, als wenig belastbar wahrgenommen zu werden
oder erleben ihre eigene Anwesenheit als Ausdruck von
Verantwortungsbewusstsein.
Ist das irrational?
Nicht unbedingt.
Aus individueller Sicht können all diese Entscheidungen
nachvollziehbar sein.
Gerade deshalb greift es zu kurz, Präsentismus ausschließlich
als individuelles Verhalten zu betrachten. Viel interessanter
ist die Frage, welche Bedingungen in Organisationen dazu
beitragen, dass solche Entscheidungen überhaupt entstehen.
Vielleicht stellen wir manchmal die falsche Frage.
Wenn Unternehmen über psychische Gesundheit sprechen, lautet
eine der ersten Fragen häufig:
„Wie können wir Fehlzeiten reduzieren?“
Das ist verständlich. Fehlzeiten verursachen Kosten, erschweren
die Personalplanung und beeinflussen Arbeitsabläufe.
Doch was wäre, wenn diese Frage bereits einen Schritt zu spät
ansetzt?
Vielleicht müssten wir zunächst eine andere Frage stellen:
„Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen langfristig gesund
und leistungsfähig?“
Diese Perspektive verändert erstaunlich viel.
Sie verschiebt den Blick weg von der Krankheit und hin zu den
Bedingungen, unter denen Gesundheit überhaupt entstehen und
erhalten bleiben kann.
Damit verändert sich auch die Rolle von Prävention.
Prävention bedeutet dann nicht mehr, möglichst früh auf erste
Krankheitssymptome zu reagieren.
Prävention bedeutet, Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen
gesundheitliche Belastungen gar nicht erst dauerhaft anwachsen.
Genau deshalb betrachten wir Prävention bei OwlYeah nicht als
Sammlung einzelner Gesundheitsmaßnahmen.
Wir verstehen sie als einen kontinuierlichen Prozess, der
Menschen dabei unterstützt, ihre körperlichen und psychischen
Ressourcen langfristig zu erhalten und zu stärken.
Warum psychische Gesundheit weit mehr ist als ein HR-Thema
Vielleicht liegt hier einer der Gründe, weshalb psychische
Gesundheit in Unternehmen noch immer häufig unterschätzt wird.
Sie wird oft organisatorisch der Personalabteilung oder dem
Betrieblichen Gesundheitsmanagement zugeordnet. Das ist
nachvollziehbar. Schließlich entstehen dort viele
gesundheitsbezogene Angebote und Maßnahmen.
Doch die Auswirkungen psychischer Gesundheit reichen weit
darüber hinaus.
Sie beeinflusst, wie Teams zusammenarbeiten.
Sie beeinflusst die Qualität von Entscheidungen.
Sie beeinflusst Kreativität, Innovationsfähigkeit und
Lernbereitschaft.
Sie beeinflusst Führung.
Sie beeinflusst Fehlerquoten.
Sie beeinflusst letztlich die Wertschöpfung einer Organisation.
Deshalb erscheint uns die Frage, ob psychische Gesundheit ein
HR-Thema ist, inzwischen fast zu klein gedacht.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage:
Wie kann ein Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein, wenn die
Gesundheit seiner Beschäftigten nur als Personalthema
verstanden wird?
Diese Perspektive verändert den gesamten Blick auf Prävention.
Nicht Gesundheit wird wirtschaftlich interessant.
Sondern wirtschaftlicher Erfolg wird ohne Gesundheit kaum
dauerhaft denkbar.
Prävention beginnt nicht mit einem Seminar.
Dieser Gedanke ist uns besonders wichtig.
Wenn über Prävention gesprochen wird, denken viele Menschen
zunächst an Trainings, Workshops oder einzelne Gesundheitstage.
All diese Maßnahmen können sinnvoll sein.
Doch sie sind nicht der Beginn von Prävention.
Prävention beginnt deutlich früher.
Sie beginnt mit Aufmerksamkeit.
Mit der Bereitschaft, Fragen zu stellen, bevor Probleme
sichtbar werden.
Mit einer Führungskultur, die Belastungen nicht erst dann ernst
nimmt, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf dem
Schreibtisch liegt.
Mit Organisationen, die nicht nur nach Leistung fragen, sondern
auch danach, welche Bedingungen Leistung überhaupt dauerhaft
ermöglichen.
Vielleicht klingt das zunächst selbstverständlich.
In der Praxis ist es das jedoch häufig nicht.
Denn was leicht messbar ist, erhält oft automatisch mehr
Aufmerksamkeit als das, was sich nur indirekt beobachten lässt.
Gerade deshalb braucht Prävention einen Perspektivwechsel.
Was wir aus den Zahlen der BAuA wirklich lernen können
Die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und
Arbeitsmedizin beeindrucken.
881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage.
134 Milliarden Euro Produktionsausfall.
227 Milliarden Euro Ausfall an Bruttowertschöpfung.
Doch vielleicht besteht ihre größte Stärke gar nicht darin,
diese Dimension sichtbar zu machen.
Vielleicht erinnern sie uns vielmehr daran, dass hinter jeder
Zahl Menschen stehen.
Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen.
Mit unterschiedlichen Belastungen.
Mit unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Und genau deshalb beginnt wirksame Prävention niemals bei einer
Statistik.
Sie beginnt immer bei den Menschen.
Kennzahlen helfen uns, Entwicklungen zu erkennen.
Sie können jedoch niemals vollständig erklären, warum diese
Entwicklungen entstehen.
Dafür braucht es Psychologie.
Dafür braucht es Führung.
Dafür braucht es Organisationsentwicklung.
Und dafür braucht es die Bereitschaft, nicht nur Symptome zu
betrachten, sondern auch deren Ursachen.
Fazit
Vielleicht lässt sich der Gedanke dieses ersten
Journal-Artikels in einer einzigen Frage zusammenfassen.
Was wäre, wenn die wichtigste Kennzahl zur Gesundheit eines
Unternehmens genau diejenige ist, die in vielen Berichten gar
nicht auftaucht?
Wir glauben nicht, dass Fehlzeiten unwichtig sind.
Im Gegenteil.
Sie liefern wertvolle Informationen.
Doch sie erzählen nur den Teil der Geschichte, der bereits
sichtbar geworden ist.
Wirksame Prävention beginnt früher.
Sie beginnt dort, wo Belastungen noch keine Statistik erzeugen.
Dort, wo Menschen beginnen, ihre eigenen Ressourcen
aufzubrauchen.
Dort, wo Organisationen entscheiden können, ob sie
ausschließlich auf sichtbare Folgen reagieren – oder ob sie die
Bedingungen schaffen möchten, unter denen Gesundheit,
Leistungsfähigkeit und Zusammenarbeit langfristig erhalten
bleiben.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Perspektivwechsel.
Psychische Gesundheit ist kein Wirtschaftsfaktor, weil
Krankheit Geld kostet.
Sie ist ein Wirtschaftsfaktor, weil gesunde Menschen die
Grundlage für nachhaltige Wertschöpfung bilden.
Und genau deshalb beginnt wirksame Prävention nicht mit
Antworten.
Sondern mit den richtigen Fragen.
Quellen
Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Volkswirtschaftliche
Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2024.
DAK-Gesundheit & IGES
Institut. Psychreport 2025 – Entwicklungen der psychisch
bedingten Fehlzeiten im Job.
Johns, G. (2010).
Presenteeism in the workplace: A review and research
agenda.
Aronsson, G., Gustafsson, K.
& Dallner, M. (2000/2005). Forschungsarbeiten zu
Präsentismus und Arbeiten trotz Krankheit.
